Ein persönliches Zeugnis aus der DDR

Valentinstag
in Stasi-Haft

Am 14. Februar 1989 wurde ich mit 18 Jahren verhaftet. Ich wollte frei leben. Stattdessen begann eine Haftzeit, die mich bis heute begleitet.

Meine Geschichte lesen

14.02. — 20.10.1989

Ich war damals 18 Jahre alt – volljährig, aber noch nicht richtig erwachsen. Ich war in der Ausbildung zum Schneider und hatte bereits einen Modepreis gewonnen. Ich war sozusagen berühmt – zumindest für damalige Verhältnisse. Ich wollte nach Paris, in die Stadt der Mode, und träumte von einem Leben in Freiheit.

Ich an meiner Pfaff-Nähmaschine · KI-animierter Clip aus einem historischen Foto.

Bild und Ton zum Nachlesen

Der knapp sechs Sekunden lange Schwarz-Weiß-Clip zeigt mich mit Brille an meiner Pfaff-Nähmaschine. Meine Hände liegen am Stoff unter der Nadel; hinter mir hängen Kleidungsstücke. Die Animation wurde aus einem einzelnen historischen Foto erstellt. Sie ist keine historische Filmaufnahme. Zu hören sind Geräusche einer Nähmaschine.

Videodatei direkt öffnen (MP4)

Als schwuler junger Mann, der sich schon mit 14 Jahren in der Schule outete, fühlte ich mich in der DDR eingeengt und beobachtet. Ich traf regelmäßig Freunde aus Niedersachsen in Ost-Berlin und plante, die DDR in Richtung Bundesrepublik zu verlassen. Die Staatssicherheit hatte mich längst im Visier.

Noch bevor ich meinen Plan genau am 16. Februar 1989 verwirklichen konnte, wurde ich am Valentinstag, dem 14. Februar 1989, festgenommen. Von diesem Tag an bestimmten Verhöre, Akten und verschlossene Türen meinen Alltag. Auf dieser Website erzähle und dokumentiere ich meine Geschichte.

„Dort wurden meine Hoffnungen auf Freiheit einer harten Realität ausgesetzt – einer, die mein Leben für immer verändern sollte.“

Mario V.W.B.R. Obst

Chronik 1989

Zwischen Verhaftung
und Freiheit

  1. Die Verhaftung

    Am Valentinstag wurde gegen mich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Staatssicherheit brachte mich in die Untersuchungshaftanstalt Andreasstraße in Erfurt.

  2. Überwachung und Erfassung

    Meine Kontakte, meine sexuelle Orientierung und mein Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben wurden zum Gegenstand staatlicher Kontrolle und akribischer Aktenführung.

  3. „Im Namen des Volkes“

    Das Kreisgericht Erfurt-Mitte verurteilte mich wegen „Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt“ und „öffentlicher Herabwürdigung“ zu einem Jahr und zwei Monaten Freiheitsstrafe.

  4. Ausreise aus der Haft

    Die Prüfung vom 16. Juni 1989 und die zugehörigen Unterlagen halten die Zustimmung zu meiner Ausreise in die Bundesrepublik aus der Haft fest. Nach meiner Ausreise sollte für mich eine „Reisesperre“ gelten.

  5. Bis der 20. Oktober 1989 kam

    Nach Wochen ohne Post, Besuch oder Kontakt nach draußen wurde ich aus meiner Zelle geholt. Erst auf der Zugfahrt erkannte ich, dass mein Weg in die Bundesrepublik führte.

    Das Kapitel lesen →

Blick vom Hof der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt Andreasstraße in Erfurt
Ehemalige Untersuchungshaftanstalt Andreasstraße, Erfurt

Der Ort

Andreasstraße,
Erfurt

Hinter diesen Mauern war ich der Willkür eines Systems ausgesetzt, das Menschen kontrollierte, einschüchterte und in Akten verwandelte.

Nach mehr als 30 Jahren kehrte ich nach Erfurt zurück – in erster Linie wegen meiner Eltern. So konnte ich mit ihnen noch einen Teil der uns verbleibenden Zeit erleben.

Bei einem Besuch in der Andreasstraße wandte ich mich an die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße der Stiftung Ettersberg. Daraus entstand für mich eine neue Aufgabe: Heute berichte ich jungen Menschen aus Deutschland und anderen Ländern als Zeitzeuge von meinen Erlebnissen und stelle mich den Fragen der Schülerinnen und Schüler.

Der frühere Haftort ist damit nicht nur ein Ort meiner eigenen Geschichte. Er ist auch ein Ort geworden, an dem ich Erinnerung weitergeben und mit einer neuen Generation über Freiheit, Diktatur und Verantwortung sprechen kann.

Mehr über meine Arbeit als Zeitzeuge →

Für den BR-Podcast „Gefangen in der DDR“ sprach ich hier mit Thomas Nolte und seiner Tochter Marie A. Müller über unsere in vielen Punkten nahezu identischen Hafterfahrungen. Mehr über das Gespräch und den Podcast → Der Podcast ist ausschließlich auf Deutsch verfügbar.

Dokumente der Staatssicherheit

Ein Mensch,
festgehalten auf Papier

Jahrzehnte später erhielt ich Einsicht in meine Stasi-Unterlagen. Was damals im Verborgenen entstand, hilft heute dabei, Abläufe zu verstehen und meine Geschichte zu rekonstruieren.

Seite aus der Stasi-Akte von Mario Obst
Erkennungsdienstliche Erfassung
Vorschau des DDR-Urteils gegen Mario Obst
Urteil vom 11. April 1989

15. Februar 1989 / Streng geheim

Mein Fall im Tagesrapport des MfS

Nur einen Tag nach meiner Festnahme war mein geplanter Weg in die Freiheit Teil der zentralen Berichterstattung des MfS. Mein Leben wurde auf wenige Verwaltungszeilen reduziert.

Den Rapport und seine Einordnung lesen →
Deckblatt des streng geheimen MfS-Rapports vom 15. Februar 1989 Eintrag des MfS über Mario Obst und seinen geplanten Weg in die Bundesrepublik

20. Oktober 1989 / Entlassung

Bis der 20. Oktober 1989 kam

Während ich isoliert in Karl-Marx-Stadt saß, war meine Entlassung in die Bundesrepublik behördlich längst vorbereitet. Das Verwirklichungsheft nennt den Tag und das Ziel – nicht aber, was ich an diesem Morgen erlebte.

Das Verwirklichungsheft und meine Erinnerung lesen →
Gerichtsbeschluss mit dem Entlassungstag 20. Oktober 1989 Entlassungsmitteilung vom 20. Oktober 1989 mit dem Ziel nach BRD

Juni 1989 / Entscheidung über mein Leben

Direkte Ausreise aus der Haft – ohne Antrag

Unter der Überschrift „Prüfung von Versagungsgründen Haftfälle“ prüfte der DDR-Staatsapparat meine dauerhafte Ausreise in die Bundesrepublik. Einen Ausreiseantrag hatte ich nie gestellt. Meine Haltung war klar: Für Freiheit stellt man keinen Antrag.

Die Akten und meine Richtigstellungen lesen →
BStU 111 – Prüfung von Versagungsgründen Haftfälle BStU 112 – Beginn der Prüfung zur Ausreise aus der Haft BStU 113 – Behauptete Motive und Bewertung BStU 114 – Zustimmung zur Ausreise aus der Haft

Warum ich
davon erzähle

Es ist nicht einfach, meine Akten zu öffnen und in diese dunklen Kapitel zurückzukehren. Aber es ist wichtig, diese Geschichte zu teilen.

Die Unterlagen sind persönliche Beweise und zeitgeschichtliche Dokumente zugleich. Sie zeigen, was fehlende Freiheit für einen einzelnen Menschen bedeutete. Erinnerung bewahrt nicht nur Vergangenes – sie hilft, den Wert von Freiheit in der Gegenwart zu verstehen.

Ihr
Mario V.W.B.R. Obst

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Auf Instagram teile ich Erinnerungen, historische Dokumente und Beiträge meiner Website. Dort könnt ihr mir auch Fragen zu meiner Geschichte stellen.

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Die vollständige Dokumentation

Erinnerungen, Chronik
und Originalakten.

Lesen Sie meine Geschichte ausführlich und chronologisch – von meiner Kindheit in der DDR über die Verhaftung und das Urteil bis zu den erhaltenen Unterlagen der Staatssicherheit.

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